17. Februar 2018

Schuld verjährt nicht






Titel: Mörderische Angst
Autor: Linda Castillo
Übersetzer: Helga Augustin
Reihe: Kate Burkholder
Band: 6
Verlag: Fischer
Seiten: 347
ISBN: 978-3596032402








Im Jahr 1979 wird eine amische Familie überfallen und ermordet. Die Mutter wird entführt, der älteste Sohn überlebt. Die Täter sind flüchtig und werden nicht gefunden. 2014 wird ein Mann in Painters Mill grausam getötet. Zuvor bekam er geheimnisvolle Nachrichten. Und nicht nur der Tote wurde bedroht...

"Mörderische Angst" ist der 6. Fall für Kate Burkholder und konnte mich wieder überzeugen. Linda Castillo konzentriert sich diesmal auf die englische Gemeinde von Painters Mill und zeigt, dass Schuld nie verjährt. Dabei setzt sie nicht blutgetränkte Schockmomente, sondern führt ihre Leser ruhig und gezielt in die menschlichen Abgründe. Klasse!

Die Geschichte wird kapitelweise von einem auktorialen Erzähler und von Kate Burkholder selbst geschildert. Sobald die Polizeichefin berichtet, erhält man tiefe Einblicke in ihre Arbeit, ihre Gedanken und ihre Schlussfolgerungen. Mit dem Erzähler begleitet man die Opfer und erfährt so, warum sie sterben müssen. Diese Mischung hat mir sehr gut gefallen. Zwar ist von Beginn an klar, welches Motiv der Mörder hat, jedoch bleibt bis zum Schluss ungewiss, wer es überhaupt ist. Meine erste Theorie musste ich bald verwerfen. Daher ließ ich mich vollkommen auf die Geschichte ein und ermittelte gemeinsam mit Kate. Das war großartig.

Auch wenn die Lektüre des Vorgängers bei mir schon mehrere Jahre zurückliegt, fand ich mich schnell wieder in Painters Mill zurecht. Das lag unter anderem auch an der starken Figur von Kate Burkholder. Die Polizeichefin ist für mich eine markante, sympathische aber keineswegs harte Frau. Sie verfolgt ihre Arbeit gewissenhaft, gründlich und menschlich. Eine klasse Mischung. Auch aus ihrem Privatleben erfährt man einiges, jedoch schafft es Linda Castillo perfekt, hier das Gleichgewicht aus Ermittlungen und privaten Episoden zu finden. Toll!

Die Story selbst ist von Beginn an spannend und entfaltet ihre Sogwirkung mit jedem Kapitel. Zu Beginn war ich leicht enttäuscht, dass sich die Autorin in diesem Fall mehr auf die englische Gemeinde konzentriert hat. Aber je weiter ich las, desto weniger konnte ich mich dem Thriller entziehen. Der Schluss hat mich dann überrascht. Er passt perfekt zur gesamten Geschichte und ist stimmig.

Der Stil der Autorin ist sehr gut und flüssig zu lesen. Ihre Erzählweise ist ruhig, mit Liebe zur amischen Gemeinde und nur dann blutig, wenn es notwendig ist. Für mich absolut stimmig.

Fazit: Ein 6. Fall, der mich komplett überzeugen konnte. Ich kann die Reihe und diesen Band sehr empfehlen.



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15. Februar 2018

Verwirrend wie ein Art-Movie








Titel: Rekorder
Autor: John Darnielle
Übersetzer: Tobias Schnettler
Verlag: Eichborn
Seiten: 280
ISBN: 978-3847900290








Jeremy arbeitet in einer Videothek in einer amerikanischen Kleinstadt. Der Job ist eintönig, aber der junge Mann hat Spaß daran, bis eines Tages mehrere Kunden von verstörenden Szenen auf den Videokassetten berichten. Jeremy schaut sich die Szenen an und ist ebenso verstört wie geschockt. Woher kommen die Szenen? Was soll er tun?

"Rekorder" ist mein erster Roman von John Darnielle und wird auch mein letzter gewesen sein. Der Klappentext hat mich angezogen, denn er versprach einen Thriller mit Horrorelementen. Bekommen habe ich ein experimentellen Roman, der viel offen lässt, wenig erklärt und vor allem verwirrt.

Die Geschichte wird von einem auktorialen Erzähler berichtet. Dabei folgt man Jeremy und seinem Alltag zwischen Videothek und den Filmabenden mit seinem Vater. Mit dem Auftauchen der ersten seltsamen Filmschnipseln ist es jedoch vorbei mit der Ruhe und Jeremy befasst sich widerwillig mit den Szenen.

Seine Nachforschungen sind wage beschrieben. Man erfährt kaum, was wirklich los ist. Es bleibt vieles im Dunkeln und der Fantasie des Lesers überlassen. Zu Beginn fand ich das anziehend, doch schon mal merkte ich, dass der Autor nicht daran denkt, seine Andeutungen zu vertiefen. Dies hat mich frustriert. Denn John Darnielle schreibt fesselnd und ich konnte dem Roman bis zu einem bestimmten Punkt gut folgen. Doch dann sprang die Geschichte, der rote Faden ging für mich verloren, ich wusste nicht mehr, was das eine mit dem anderen zu tun hat und gab schlussendlich auf.

Fazit: Der Roman ist kein Thriller, kein Horror, er ist ein literarisches Experiment. Ich bin daran gescheitert. Für Fans des Ungewöhnlichen kann ich diesen Roman jedoch sehr empfehlen.



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13. Februar 2018

Flieh mit mir aus dem Panoptikum








Titel: Mein wahrhaft wirkliches Leben davor und danach
Autor: Robyn Schneider
Übersetzer: Bernadette Ott
Verlag: dtv
Seiten: 400
ISBN: 978-3423740081








Ezra ist der beliebteste Junge an der Highschool, erfolgreicher Tennisspieler und Schwarm aller Mädels. Das ändert sich schlagartig, als er einen schweren Autounfall erleidet, bei dem sein Knie nahezu zerstört wird. Ohne Sport versinkt der einstige Star in der Bedeutungslosigkeit. Und Ezra erkennt, wie schön die anderen Seiten der Highschool jenseits der Beliebtheit sein können. Denn dort trifft er auf Cassidy...

"Mein wahrhaft wirkliches Leben davor und danach" war mein erster Roman von Robyn Schneider und er hat mich positiv überrascht. Die Autorin nimmt ihre Leser mit auf eine Reise durch Selbstzweifel, Selbsterkennung und zeigt dabei, dass ein Jugendroman auch ohne Klischees auskommt.

Die Geschichte wird von Ezra selbst erzählt. Der Jugendliche ist nach seinem Autounfall nur noch ein Schatten seiner Selbst und erkennt, dass sein früheres Leben als Sportler und Schulstar nicht ausfüllend war. Und so schließt er sich seinem ehemaligen besten Freund Toby und dessen Debattierclub an. Während Ezra noch unsicher ist, wie er sich in seiner neuen Rolle fühlen soll, ist es für Cassidy, ein Neuzugang an der Highschool, sonnenklar. Sie fängt den Teenager auf und zeigt ihm, dass das Leben noch mehr zu bieten hat als Parties, Beliebtheitswettbewerbe und Sport. Und auch wenn diese Beschreibung zunächst nach einer Standardgeschichte klingt, überzeugte mich Robyn Schneider sehr durch ihre für mich tiefgründigen Gedankengänge und wunderbar sympathischen Figuren.

Zugegeben, ich hatte bei Ezra die Erwartung, dass ich auf einen tumben Sportler treffe, der wie von Zauberhand geläutert wird. Doch das ist nicht der Fall. Ezra ist von Beginn an ein reflektierter, intelligenter junger Mann, der eher zufällig in die Rolle des Schulkönigs gestolpert ist. Durch seinen Unfall erkennt er, welche Fassaden er sich aufgebaut und wie oft er seine eigene Denkweise zugunsten seiner Freunde hintenan gestellt hat. Das machte ihn für mich unglaublich sympathisch und lebensnah. Neben Ezra konnte ich aber auch seinen besten Freund Toby und seinen Schwarm Cassidy ins Herz schließen. Dies lag vor allem daran, dass die beiden auf ihre ganz eigene Art liebenswürdig, nerdig und herzlich sind. Die Autorin vermeidet jegliche Überzeichung ihrer Figuren, sondern beweist mit Liebe zum Detail und mit intelligenten Gesprächen, dass Intelligenz nichts ist, für was man sich schämen muss. Für mich persönlich eine ganz starke Botschaft in Zeiten, in denen Aussehen und Beliebheit mehr zählen als Köpfchen und Bodenständigkeit.

Die Story ist von Beginn an fesselnd und ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Ezra erzählt mit seiner ganz eigenen Art von seinem Alltag, zeigt seine witzigen, aber auch melancholischen Seiten. Das hat mir sehr gut gefallen und ich habe mit ihm gelacht, gelernt und auch geweint. Denn das Ende hat mich, obwohl ich einen kleinen Teil erahnen konnte, überrascht und berührt.

Der Stil von Robyn Schneider ist sehr gut und flüssig zu lesen. Ihre Erzählweise passt hervorragend zu einem Jugendlichen und sprüht vor Witz und Tiefgründigkeit. Eine tolle Mischung!

Fazit: Manchmal benötigt der Mensch mehr als einen Stoß in die richtige Richtung. Ein tolles Jugendbuch, was ich nur empfehlen kann.



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