7. August 2017

WARUM? - Logiklöcher und Recherchefaulheit



Jeden ersten Montag im Monat befasse ich mich mit einer Frage, die mich im Bücherversum umtreibt. Sei es zu Figuren, Handlungen, Gestaltungen oder Trends in der Literaturwelt, sobald mir eine Frage durch den Kopf geht, befasse ich mich damit. 

Vorsicht: Diese Rubrik gibt einzig meine persönliche Meinung wider. Aber es darf gern darüber diskutiert werden.


Bücher sind mein Rückzugsort, mein Ausstieg aus der echten Welt. Wenn ich lese, möchte ich die Realität für einen Moment vergessen. Und doch habe ich den Anspruch, dass die Geschichten, die mir Autoren erzählen, in sich schlüssig und logisch sind.

Ein Beispiel: Die Gesetze der Schwerkraft gelten in allen Welten, solang der Autor nichts anderes erwähnt oder seine Story im Weltall spielen lässt. Wenn er nun eine Szene beschreibt, in der seine Figur die Schwerkraft ohne Hilfsmittel außer Kraft setzt, dann ist dieses Handeln nicht schlüssig, unlogisch und der Autor hat einen Schnitzer eingebaut.

Solche offensichtlichen Fehler werden zumeist vom Lektorat oder den Testlesern ausgemerzt. Doch in letzter Zeit habe ich Thriller gelesen, bei denen mir die Haare zu Berge standen. Nicht etwa aus Grusel, Ekel oder Angst, nein, einfach aus Fassungslosigkeit, wie Schriftsteller mit ihren Werken und auch ihren Lesern umgehen.

Zum Einen gibt es da die Logiklöcher: Der Ermittler hat auf einmal Wissen, welches vorher in keinster Weise angedeutet wurde; der Täter begeht Fehler, über die er vorher stundenlang sinniert hat, diese nicht zu begehen; das Opfer kann auf einmal mit einer hochkomplizierten Waffe umgehen, obwohl es im normalen Leben noch nie von einer Schusswaffe Gebrauch gemacht hat. Solche Löcher sind für mich als Leserin ärgerlich und stören meinen Lesefluss. Denn hier wird mir bewusst, dass der Autor seine Geschichte nicht bis zum Ende durchdacht hat oder, was schlimmer wäre, ihm kein anderer Twist eingefallen ist, um seine Story zum gewünschten Ende zu bringen. 

Was an mir viel stärker nagt und in meinen Augen auch Schlampigkeit oder schlichter Faulheit zuzuordnen ist, sind Recherchefehler. Damit meine ich nicht, dass der Autor sich in Details der Kernphysik vertan hat oder beim schriftstellerischen Bau der Atombombe nicht alle Feinheiten kennt. Nein, mir geht es um Fehler, die so offensichtlich sind, dass ich mich fragen muss, ob Verlag, Autor oder Lektorat mich für dumm verkaufen möchte.

Eine Szene, die mir dabei aus meinen zuletzt gelesenen Thrillern im Gedächtnis blieb: ein Serienkiller tötet seine weiblichen Opfer, indem er sie während der Menstruation ausbluten lässt. Vorher untersucht er sie gynäkologisch. Wie der Zufall es will (bei der Szene habe ich schon zum ersten Mal mit den  Augen gerollt), gerät die ermittelnde Staatsanwältin in die Fänge des Mörders. An einen handelsüblichen Stuhl gefesselt (die Hände an den Lehnen, die Beine an den Stuhlbeinen fest verschnürt) wird die Frau vom Täter gynäkologisch mit Spekulum und Co untersucht. Als ich an diesem Punkt angekommen war, flog das Buch im hohen Bogen in die Ecke.

Die weibliche Leserschaft kann sich großteils denken, warum. Ich kläre aber gern auf: Diese Art der Untersuchung kann nur gelingen, wenn das Opfer breitbeinig (!) und etwas nach hinten gekippt (!) vor dem Täter sitzt. Denn ansonsten kann das Instrument auch mit Gewalt nicht so platziert werden, dass der Killer den gewünschten Blick erhaschen kann. Das ist anatomisch nicht möglich. Wer möchte, kann dies gern daheim mal auf einem Stuhl nachstellen. Es ist nicht machbar. Und da frage ich mich: Warum ist dieser Fehler weder dem Autor, noch dem Lektorat noch den ersten Testlesern aufgefallen? Waren sie alle männlich und NIE bei solch einer Untersuchung dabei? War der Autor nicht motiviert genug, wenigstens EINMAL diese Szene unblutig mit seiner Frau, Freundin oder einer Bekannten nachzustellen? 

Solche offensichtlichen Fehler begegnen mir immer öfter. Seien es nun Szenen, die komplett an der Realität vorbei geschrieben worden sind, oder der schlampige Umgang mit Fachbegriffen, deren korrekte Verwendung man innerhalb von 2 Minuten ergooglen könnte. Welche Intention steckt dahinter? "Das wird der Leser schon nicht schnallen!"? Oder ist es viel mehr dem Druck geschuldet, unter dem neue, vermeintliche Bestseller entstehen müssen und unter dem die Zeit für Detailfragen verloren geht? 

Was auch immer es ist: Ich will wieder Thriller, in denen ich mich über den Täter und seine Vorgehensweise gruseln kann und nicht vor den schlampigen Fehlern seines Erschaffers.

Kommentare:

  1. Huhu liebe Tapsi!

    Ein interessantes Thema! Mit Logikfehlern hatte ich bisher zum Glück nur wenig in Büchern zu tun, dafür mit vielen eher schlechten Recherchen. Wenn man viel historisches liest dann lässt sich sowas leider kaum vermeiden. Nicht jeder gibt sich hier die gewünschte oder besser gesagt erforderliche Mühe. :( Schade, aber dafür weiß man dann die richtig guten Thriller/Krimi/Historischen Romane usw. zu schätzen. ;)

    Liebste Grüße
    Nina von BookBlossom

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    1. Hi Nina,

      bei historischen Romanen stelle ich es mir noch schlimmer vor, wenn man sich selbst in der Zeit super auskennt. Und du hast Recht: Man lernt so wirklich gute Arbeiten noch mehr schätzen.

      LG
      Denise :)

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  2. Huhu!

    Du sprichst mir aus der Seele! Egal, ob Thriller, SciFi oder Fantasy, ich will, dass die Welt und die Geschehnisse in sich logisch, schlüssig und glaubhaft sind. Und bei Dingen aus der realen Welt bitte gut recherchiert bzw gut durchdacht.

    Ich finde es auch immer toll, wenn jemand, der noch nie eine Waffe in der Hand hatte, anscheinend nicht nur weiß, wie man sie entsichert, sondern auch direkt trifft – uuuund weder vom Rückstoß zurückgeworfen wird, noch sich damit die Schulter prellt oder bricht.

    Ich glaube, wenn mir jemand eine Waffe in die Hand drücken würde, würde ich, sagen wir mal, einen Elefanten nur aus zwei Metern Entfernung treffen.

    Bei dem gynäkologischen Serienkiller kann ich auch nur mit den Augen rollen... Hallo? Das hätte man ja nun wirklich ganz einfach ausmerzen können, indem man eine Frau fragt, ob das möglich wäre, wenn sie an einen Stuhl gefesselt ist! Oder, wie du sagst, es kurz mal mit Hilfe der Frau/Freundin/Bekannten nachzustellen.

    Ich habe deinen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt!

    LG,
    Mikka

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    1. Hi Mikka,

      das ehrt mich total. Danke dir.

      Hihi, ja ich glaube auch, dass ich einen Elefanten gerade so treffen würde, wenn ich nicht eh durch den Rückstoß sofort zu Boden falle :) Ich danke dir sehr für dein Kommentar :)

      LG
      Denise

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